Darum und Dafür

Willkommen im Paradies?

Der anstehende Lebensabschnitt Studium ist ein zweischneidiges Schwert. Ganz klar: Studieren heißt Lernen und sich Weiterbilden. Es heißt gewisse Freiheiten zu genießen, sich ausprobieren zu können und nach eigenen Wegen zu suchen. Nicht selten wird das Studium aber deshalb als eine besondere Lebensphase geradezu romantisiert: etwas über die Stränge schlagen, angeregt bis nachts um drei in Büchern stöbern und auf den grünen Campus-Wiesen von einer besseren Welt träumen. Dieses Märchen vom „paradiesischen Studierendenleben“ wird jedoch im eiskalten Wasser des Unialltags ertränkt. Die andere Seite des Studiums bedeutet nämlich: Stress und Zeitdruck durch Fristenregelungen, einengende Musterstudienpläne, neben der Klausurenphase für die Miete jobben und so weiter. Die Leistungsanforderungen machen das Studium schnell zu einem Hamsterrad, das uns permanent beschäftigt und stresst. Bei vielen stellt sich das Gefühl ein, den Anforderungen nicht gewachsen zu sein. Manche kennen das vielleicht schon aus der Schule: Entweder du bist zu dumm oder du hast es nur nicht hart genug versucht! Das sind oft die einzigen Antworten, die wir zuhören bekommen, wenn wir die Erwartungen nicht erfüllen. Freude am Lernen kommt dabei eher selten auf.

Schon als Kinder wurde uns gesagt, wir würden nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen. Das wirft allerdings die Frage auf, was das für ein Leben ist, für das wir 10 – bis 15 Jahre lernen müssen. Die Schule und die Universität haben den Zweck uns so zu qualifizieren, dass wir in der Lage sind, uns später dem Staat oder Kapital andienen zu können. Was wir lernen wollen ist dabei zweitrangig. Stattdessen sind die Lerninhalte darauf zugeschnitten, was in Beruf und Gesellschaft erforderlich scheint. Universität soll die Arbeitskräfte hervorbringen, nach denen die Wirtschaft verlangt und die deren Anforderungen entsprechen. Dabei hat sie nicht nur die Funktion von Wissensvermittlung oder die einer „Lernfabrik“, sie erzieht auch die Menschen. Hier lernen die zukünftigen Arbeitskräfte sich selber zu disziplinieren, den Konkurrenzkampf anzunehmen und mit dem Leistungsdruck selbstbestimmt umzugehen. Die Notenverteilung, sich vor Dozent*innen profilieren oder das eigenverantwortliche Erledigen aufgezwungener Arbeiten sind Ausdruck davon. Das Erlernen dieser Fähigkeiten bildet gleichzeitig die Grundlage dafür, dass die Student*innen sich möglichst reibungslos in die Gesellschaft einfügen. Wer nicht bereit ist sich diesen Anforderungen zu beugen, muss mit krassen Sanktionen rechnen: Bafög gestrichen bekommen, von der Uni fliegen oder durch schlechte Abschlüsse später einen besonders beschissenen Job machen zu müssen.

In der Uni gegen die Uni

Wir wollen aber mehr vom Leben, als ECTS-Punkte und Karrierechancen. Wir wollen ein Studium, das Bedingungen bietet, uns als vielfältige Menschen zu erfahren. Wir wollen gemeinsam, und nicht gegeneinander unsere Bedürfnisse verwirklichen. Wir wollen keinen Konkurrenzkampf. Auch nicht, wenn er unabhängig von der Herkunft, dem Geschlecht oder der Klassenlage stattfinden kann. Nicht nur die ungleiche Stellung in der Konkurrenz gilt es zu kritisieren, sondern die Existenz der Konkurrenz selbst, die uns unter ständigen Druck setzt und vernünftige kollektive Lösungen verhindert. Dabei bleibt es natürlich trotzdem notwendig, Maßnahmen zu ergreifen, die bestehende Diskriminierungen abbauen. Etwa wenn es um Kinderbetreuung für alleinerziehende Eltern, Universitätszugang ohne Abitur oder kostenlose Nachhilfe geht. Dies ist notwendig, weil es einerseits einen Zugewinn an Möglichkeiten für die Betroffenen in diesem System bedeutet und weil es andererseits oft erst die zeitlichen Freiräume schafft politisch tätig zu werden, um die Konkurrenzgesellschaft zu überwinden.

Wir wollen kollektive Praktiken entwickeln, die nicht nur das eigene Studium oder die Schulzeit wieder mit Freiheit bereichern, sondern auch gleichzeitig mit dem System der Konkurrenz brechen und einen Ausblick auf eine sinnhafte Organisation von Gesellschaft bieten.

Also: Lasst Anwesenheitslisten verschwinden! Schummelt bei Klausuren und Hausarbeiten und unterstützt euch gegenseitig dabei! Haltet zusammen gegen ASPA, Professor*innen und Dozierende und übt gemeinsam Druck aus, um euch Freiräume zu erkämpfen!

Denn die Abschaffung dieser Gesellschaft wird nicht Inhalt eines Lehrplans oder Uniseminars sein. Dennoch: Gerade diejenigen, deren Unterdrückung durch das bürgerliche Wissen verfestigt wird, müssen sich dieses mühsam aneignen und durchdringen. Dies ist die Voraussetzung dafür, um es effektiv zu kritisieren, bekämpfen und aufheben zu können. Um die Ideologien und falschen Versprechungen als solche zu entlarven, brauchen wir andere Orte als Vorlesungen und Seminare. Dafür brauchen wir Räume und Zusammenhänge in denen wir einen Modus kollektiver Bildung entwickeln. Indem wir uns Wissen über die Verhältnisse aneignen, schärfen wir unsere Kritik und entdecken Brüche im System, die es auszuweiten gilt. Wir sind nicht neutral, sondern parteiisch gegen Ausbeutung und Unterdrückung. Unsere Kritik an den Verhältnissen ist durch den Hass auf das Leid, das wir und andere täglich erfahren, geschärft.
Konkret meint das: Wir wollen lesen und Diskutieren, um die Systematik hinter dem alltäglichen Leid zu erkennen. Wir wollen uns über unsere Erfahrungen austauschen und sie zum Ausgangspunkt unserer Kämpfe machen. Und wir wollen neue Erfahrungen machen; Erfahrungen des Widerstands und gelingender Kollektivität, um zu lernen, was an dieser Gesellschaft falsch ist, wie sie überwindbar ist und wie eine andere Gesellschaft aussehen könnte.

Darum ALOTA: Ziel und Idee.

Wir wollen gleich zu Beginn des Semesters versuchen, einen Raum für solche Erfahrungen zu schaffen. Das geballte Programm der ALOTA ist dabei als ein Keil gedacht, der das monoton ratternde Getriebe des universitären Normalbetriebs mal kurzzeitig lahmlegt. Dies ist unsere Reaktion auf die Erfahrung, dass Erstsemestler*innen, die in Jena an der Uni landen, in der Regel ein sehr einseitiges Begrüßungsprogramm bekommen: Sie bekommen Musterstudienpläne vorgelegt, die Prüfungsordnung erklärt und alles beigebracht, was ihnen ein reibungsloses und effizientes Studieren in dem vorgeschriebenen Rahmen ermöglichen soll. So werden sie gleich in den ersten Tagen auf das „Hamsterrad Hochschule“ und den auf Leistung und Verwertbarkeit getrimmten Unialltag vorbereitet. Dagegen verstehen wir die „Alternativen Orientierungstage“ (ALOTA) als klare Absage an diese Vorstellung vom „Lebensabschnitt Studium“. Wir haben kein Bock auf die Perspektive, jahrelang gestresst Leistungspunkten hinterherzujagen. Das wollen wir Euch am Anfang Eures Studiums mit auf den Weg geben. Studierengehen heißt nicht gleich Vorbereitung für den Arbeitsmarkt, sondern Eintreten in eine Lebensphase mit viel Potential: Für Selbstorganisierung, für kritische Auseinandersetzung mit der Uni, der Welt, sich selbst, für emanzipatorische politische Praxis. Die ALOTA sind für alle Erstis, aber auch über diese Zielgruppe hinaus, eine Möglichkeit sich umzuschauen, wie, mit wem und warum all das in Jena anzugehen wäre. Sie öffnen einmal im Jahr einen zusammenhängenden Raum für all die Themen, die im durchbürokratisierten Hochschul-Trott systematisch zu kurz kommen. Die vielen Veranstaltungen zum Semesterbeginn bringen einen Haufen Leute zusammen, stellen politische Gruppen und Projekte vor und bieten für Neuangekommene gleich zu Beginn des Studiums eine Perspektive über den Mensa-Tellerrand hinaus. Im Zentrum der ALOTA steht damit nicht nur der Universitätsbetrieb, sondern das widerspenstige Jena als Ganzes.